08. November 2009 bis 14. Februar 2010
Michel Foucault steht am Kremser Kreuzberg und winkt. Er ist fünf Meter groß, Funken stieben aus seinen Armen. Sein Blick ist starr auf den Innenhof der Strafvollzugsanstalt Stein gerichtet, wo Inhaftierte ihren täglichen Runden nachgehen. Einer der Insassen bleibt stehen, putzt sich die Brille und beobachtet Foucault.
Ein Gegensatz nach Leopold Kesslers Geschmack: Foucault, Vorreiter des modernen Überwachungsstaates, beobachtet Überwachte und wird dabei beobachtet.
Viele Elemente, die Kesslers Arbeit seit Jahren auszeichnen, spielen bei seiner Inszenierung in den Kremser Weinbergen eine Rolle: Voyeurismus, das Infragestellen und Benennen von Klischees und der Aspekt der Grenzüberschreitung.
Bei seiner Ausstellung in der factory Krems, die von 8. November bis 14. Februar zu sehen ist, präsentiert der 33-Jährige Kessler neben HOFGANG MIT FOUCAULT, wie er seine oben beschriebene Arbeit nennt, noch zwei weitere Werke, die erstmals in Österreich zu sehen sind: NACHBARN und DAS LEBEN DER ANDEREN. Auch bei diesen beiden Werken führt Kessler den Betrachter die subtile Absurdität des Normalen vor:
Ist es nicht paradox beim Besuch eines ehemals sozialistischen Wohnblocks, dessen Bewohner täglich mit Überwachung von Seiten des Staates gelebt haben, selbst unwissentlich per Überwachungskamera beobachtet zu werden, wie es Kessler in seinem Projekt NACHBARN macht?
Oder bei einem Blick über die Grenze die eigenen unterschwelligen Vorurteile so massiv und unverblümt vor Augen geführt zu bekommen, wie es in DAS LEBEN DER ANDEREN passiert? (Österreich: Walzer tanzende Schöngeister auf der Terrasse des Barock- Schlosses Hof. Ein Blick über den Grenzfluss March in die Slowakei: Plattenbau im Stil des Sozialismus mit weißen Feinripp-Unterhemden auf der Wäscheleine.)
Leopold Kessler spielt mit dem Betrachter und macht dennoch Ernst. Er führt ihn dorthin, wo es richtig weh tut. Tief ins eigene Unterbewusstsein, wo in jedem von uns meist unbemerkt und oft ganz klein, ein unverschämter Spanner wohnt, der von Klischees, einschränkendem Grenz-Denken und Vorurteilen geleitet wird. Kesslers Arbeiten führen uns diesen kleinen Parasiten vor Augen und klopfen ihm ganz ungeniert auf die Finger.