Ausstellungsansicht 'PIPILOTTI RIST', Kunsthalle Krems, 2015   - Foto: Lisa Rastl
Ausstellungsansicht 'PIPILOTTI RIST', Kunsthalle Krems, 2015   - Foto: Lisa Rastl
Komm Schatz, wir stellen die Medien um & fangen nochmals von vorne an

Pipilotti Rist

22/03 - 28/06/2015

Im Frühjahr 2015 widmet die Kunsthalle Krems der berühmtesten Schweizer Video- und Objektkünstlerin Pipilotti Rist (* 1962) – der „Technikromantikerin und utopischen Philanthropin“ (Daniele Muscionico) der internationalen Kunstszene – eine ihrer bisher größten Einzelausstellungen.

Das Spektrum der ausgestellten Werke aus rund 30 Schaffensjahren reicht von frühen, erstmals der Öffentlichkeit präsentierten Objekten und Experimentalfilmen der späten 1980er-Jahre über ihre bekanntesten Werke bis hin zu aktuellen, raumgreifenden Videoinstallationen und bietet damit einen einzigartigen Einblick in Pipilotti Rists fantasievolles Universum bewegter wie bewegender Bilder. Dieses besticht neben der Reflexion auf die heutige Medienrealität vor allem durch eine beeindruckende Sinnlichkeit. Indem sie Seh-, Tast- und Hörsinn gleichermaßen ansprechen, aktivieren Rists Videos und Installationen nicht nur das eigene Körperempfinden, sondern laden gleichzeitig dazu ein, die Welt mit anderen Augen zu sehen und gewohnte Sichtweisen in Frage zu stellen. 

Bereits in ihren Videos der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre, wie I’m Not the Girl Who Misses Much (1986), die sich über Rückgriffe auf die Ästhetik des Musikclips auszeichnen, ist Rist bestrebt, mit herrschenden Blickregimen zu brechen, wie sie sich vor allem im Kontext der durch die Medien verbreiteten Bilder von Weiblichkeit offenbaren. Bewusst eingeführte Bildstörungen attackieren die glatte Perfektion herkömmlicher Medienbilder und verleihen den Videos zugleich traumartigen Charakter. Einer Traumsequenz gleich ist auch Rists berühmte Videoarbeit Ever Is Over All (1997), in der eine Frau mit beschwingtem Schritt einen Bürgersteig entlanggeht und mit einem Stab in Form einer Blumen mehrere Scheiben parkender Autos zertrümmert. Vergleichbar surreale Brüche in der scheinbaren Normalität, die ein Umdenken in Hinblick auf gesellschaftliche Rollenbilder des Weiblichen auszulösen vermögen, charakterisieren auch die bisher selten präsentierten Videos Anja erweitert ihren Horizont (1995) und Pamela (1997).

Der nackte weibliche Körper als Kristallisationspunkt kultureller und sozialer Tabus steht hingegen in Arbeiten wie Pickelporno (1992) oder Blutraum (1993/98) im Fokus, in denen sich Körper und Haut als Projektionsflächen des organischen wie emotionalen Innenlebens offenbaren und dazu ermutigen, einen neuen Blick auf die eigene Körperlichkeit zu werfen. Zur bewussten Aktivierung des persönlichen Körperempfindens regen auch Rists audiovisuellen Installationen – darunter etwa Sip My Ocean (1996), Homo Sapiens Sapiens (2005) oder Tyngdkraft, var min vän (Gravity Be My Friend) von 2007 – an. Sie brechen bewusst mit der distanzierten Blickposition der Betrachter(innen) und übersetzten diese in eine dynamische, körperliche Empfindung oder Handlung im Raum, indem sie dazu auffordern, über ein projiziertes Bild am Boden zu laufen, die Videos liegend zu betrachten, die Betrachter(innen) zur Projektionsfläche von Rists betörenden Fantasiewelten zu machen oder ein Ambiente zu schaffen, in das die Künstlerin das Publikum vollständig eintauchen lässt.

Rists künstlerische Strategie, Bildräume zu kreieren, in welche die Betrachter(innen) eintreten können, verbunden mit der ihren Videos immanenten Auflösung der Grenzen zwischen Wahrnehmung und Imagination, zeigt sich auch in ihren objektbasierten Rauminstallationen. Diese machen – wie auch das eigens für die Kunsthalle inszenierte „Kremser Wohnzimmer“ – eingerichtete Wohnräume betretbar, in denen verschiedene Filme wie Tagträume über die Möbel schweben, fiktive und reale Räume ineinanderfließen.

Ob in diesen als „Gemeinschaftsräume“ konzipierten Installationen, die durch die völlige Durchdringung von Alltag und virtuellem Bild charakterisiert sind, oder in ihren frühen Einkanal-Videos, stets offenbaren sich Pipilotti Rists Arbeiten als eine Reflexion auf das Medium des Bildes, seine Wirkmacht und zunehmende Verbreitung in der heutigen Mediengesellschaft, ohne dabei die Lust, den Genuss und das persönliche Körperempfinden in dessen Betrachtung außer Acht zu lassen. Wie die rund vierzig, in der Kunsthalle Krems präsentierten Objekt- und Videoarbeiten aus allen Schaffensjahren der Künstlerin erfahrbar machen, ist es diese einzigartige Synthese über die Rist bestrebt ist, „neue Wege [zu] finden, die Welt zu gestalten, die äußere wie auch die innere Welt“ (Pipilotti Rist). 

Kurator(inn)en: Stephanie Damianitsch, Hans-Peter Wipplinger

Die Kurator(inn)en zur Ausstellung: zum [Clip]
Pipilotti Rist zur Ausstellung: zum [Clip]
Pipilotti Rist im Interview auf ZEIT ONLINE [Link]

Mit Unterstützung von:

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